Vorbemerkung: Dieser Artikel ist für das „Handbuch Anthropologie“ geschrieben worden, das E. Bohlken und Ch. Thies 2009 im Metzler Verlag Stuttgart herausgeben. Der Verlag bestand auf einem Autorenvertrag, mit dem ich mein geistiges Eigentum auf Dauer verloren hätte. Eine Vertragsänderung, die mir, wie sonst üblich, begrenzte Rechte nach Ablauf einer gewissen Zeit zugestanden hätte, lehnte der Verlag kategorisch ab. Da ich mich diesem Diktat nicht beugen mochte, hat der Verlag die Veröffentlichung zurückgewiesen, obwohl die Herausgeber von dem Text sehr angetan waren. Die Verlagsleitung begründete den Versuch, mein geistiges Eigentum zu enteignen, mit der Befürchtung, anderenfalls könne man, statt Bücher zu kaufen, dann Alles im Internet lesen. Aber jetzt drängt mich der Metzler Verlag seinerseits ins Internet, weil er die Zeichen der Zeit nicht begriffen hat und sich zum Nachteil der Autoren auf ein „Urheberrecht“ beruft, das die wirklichen Urheber entrechtet.
Zum Vergleich: Der Universitätsverlag Karlsruhe stellt die 3. Auflage meines Buches „Allgemeine Technologie“ von Vornherein ins Internet, wo jeder kostenfrei darin lesen kann. Dieser Verlag macht mit dem Grundsatz Ernst, dass Information ein öffentliches Gut ist.
Die vorliegende Fassung vom Oktober 2010 berücksichtigt einen Datierungshinweis zu Henri Bergson, für den ich Ernst Oldemeyer danke.


Technik anthropologisch, oder: Homo faber


„Homo faber“ ist ein Schlüsselwort der Anthropologie, der philosophisch-transdisziplinären Lehre vom Menschen. Wörtlich heisst es „der Mensch als Handwerker“, sinngemäß „der technische Mensch“. Der Ausdruck charakterisiert den Menschen als ein Wesen, das darauf angelegt ist, künstliche Sachen zu verfertigen und zu gebrauchen. Anders als geläufige Wesensbestimmungen wie „zoon logon echon“ bzw. „animal rationale“ (das vernunftbegabte Lebewesen) oder „zoon politikon“ bzw. „ens sociale“ (das gesellschaftliche Lebewesen), die schon in der Antike benutzt wurden, ist die Kennzeichnung „Homo faber“ erst seit dem 19. Jahrhundert in Umlauf gekommen. Karl Marx (1867, 194) zitiert die Wendung „a toolmaking animal, ein Werkzeuge fabrizierendes Tier“ von Benjamin Franklin. Erst Henri Bergson (1912) und Max Scheler (1926) haben dann den Menschen wörtlich als „Homo faber“ in die philosophische Anthropologie eingeführt (vgl. Ritter 1974, 1173f; Oldemeyer 2007).

Natürlich ist der Mensch nicht nur Homo faber, viele Einzelne wohl auch nur in geringem Ausmaß. All diese plakativen Wesensbestimmungen – wie auch der „Homo oeconomicus“ (der Mensch, der mit dem geringsten Aufwand den größten Nutzen erstrebt) oder der „Homo ludens“ (der spielende Mensch), die übrigens beide nicht selten  im „Homo faber“ mitschwingen – erfassen grundsätzlich nicht den Menschen als Ganzes, sondern allein ein charakteristisches Merkmal, das unter anderen besteht.

Vorgeschichte

Gleichwohl ist es erstaunlich, dass die technische Grundeigenschaft des Menschen, die ihn instand gesetzt hat, seinen Biotop in einen Technotop umzumodeln, der abendländischen Geistestradition kaum eine Erwähnung wert gewesen ist. Immerhin hat die Menschwerdung mit der Technik begonnen. Seit mindestens zwei Millionen Jahren gibt es Lebewesen, die man als menschenähnlich ansehen kann. Bei entsprechenden Skelettfunden hat man steinerne Objekte entdeckt, die ihre Gestalt offenbar durch künstliche Bearbeitung erhalten haben, die also als Werkzeuge anzusehen sind. So betrachtet die Paläoanthropologie die Werkzeugherstellung geradezu als Definiens des Menschen.

Inzwischen hat man gelernt, aus der Gestalt der gefundenen Skelette darauf zu schließen, ob das betreffende Lebewesen sich noch auf vier Beinen oder schon allein auf den Hinterbeinen bewegt hat. Seitdem ist der aufrechte Gang ebenfalls ein Kriterium der Menschenähnlichkeit. Der aufrechte Gang aber bedeutet die Freisetzung der vorderen Extremitäten, die zur Fortbewegung nicht mehr benötigt werden. Es entwickelt sich die Hand, wie sie die Menschen haben, mit der typischen Oppositionsstellung des Daumens, einer Besonderheit, die nicht einmal bei den nächsten ‚Verwandten’, den Schimpansen, auftritt, die aber die menschliche Greiffähigkeit enorm differenziert. Ferner konstatiert man für die Herausbildung von Homo sapiens eine beträchtliche Vergrößerung des Gehirnvolumens, womit wohl auch die Entfaltung der Vorstellungskraft verbunden ist. Aufrechter Gang, Händigkeit und Gehirnentwicklung sind also offenbar entscheidende Voraussetzungen für die Herstellung von Werkzeugen gewesen; sie erweisen sich als sozusagen gleichursprüngliche Merkmale der Menschwerdung. Schon angesichts dieser vorgeschichtlichen Zusammenhänge muss es verwundern, dass in der philosophischen Reflexion über dem denkenden Menschen der machende Mensch so arg vernachlässigt worden ist.

Sieht man von Karl Marx ab, hat erst die philosophische Anthropologie des 20. Jahrhunderts hier einen Wandel eingeleitet, besonders die Schriften von Helmuth Plessner, Max Scheler und Arnold Gehlen (1940). Gehlen bestimmt den Menschen als „das handelnde Wesen“, und ersichtlich versteht er das Arbeiten und Herstellen als Ausprägungen des Handelns. Gehlens Technikverständnis hat freilich rege Diskussionen ausgelöst. Er betrachtet das technische Handeln als eine Überlebensstrategie, mit der das „Mängelwesen“ Mensch die natürlichen Defizite seiner organischen Ausstattung zu kompensieren sucht. Erscheint in dieser Sicht die Technik als notwendiges Bedürfnis, so ist sie für Andere das „objektiv Überflüssige“, zu der sich die luxurierende Kreativität des Machenkönnens aufschwingt (Ortega y Gasset 1939).

Aber es gibt nicht die Technik, sondern eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Techniken, und bei differenzierender Analyse haben beide Deutungen fallweise Recht: einmal die Mangelkompensation und ein andermal die Überflussakkumulation. Schließlich ist beim Versuch solch pauschaler Erklärungen, die immer nur spekulativ erschlossen werden können, auch Homo ludens nicht zu vergessen, der manche Zufallsentdeckung spielerisch erprobt und ausgestaltet haben mag. Welche konkreten Antriebe den Hominiden zum Homo faber haben werden lassen, wissen wir bis heute nicht. Eine Gewissheit aber haben wir: Die Menschen sind immer schon machende Lebewesen, Lebewesen, die sich ihre Umwelt planmäßig und absichtsvoll zu Zwecken des Überlebens und des guten Lebens zurichten. Homo sapiens ist von Anbeginn auch Homo faber.

Stadien der Technikgeschichte

Von der Vorgeschichte des Menschen trennen uns nicht nur Hunderttausende von Jahren, sondern auch qualitative Wandlungen, die nicht minder erstaunlich sind als die gewaltige zeitliche Distanz, die zwischen den Ursprüngen und der Gegenwart liegt. Man vergleiche den Menschen, der mit primitiven Werkzeugen eine Pfeilspitze herstellt, um mit Pfeil und Bogen im begrenzten Revier erfolgreich ein Tier erlegen zu können, mit dem modernen Datenjäger, der im weltweiten Rechnernetz beliebiges Wissen aus den verschiedensten Teilen der Erde aufspürt und mit elektronischem Gerät in seinen bequemen vier Wänden auszuwerten versteht! Die Technik, mit der die Menschen begannen, war eine simple Werkzeugtechnik; die Technik, mit der sie heute leben, ist ein äußerst komplexes Systemgeflecht.

Historiker bemühen sich, den Gang der Geschichte zu periodisieren, und auch für die Technikgeschichte hat man eine Strukturierung vorgeschlagen, die lange Phasen allmählicher Entwicklung und recht kurze Intervalle durchgreifender Umbrüche unterscheidet, die man als „technische Revolutionen“ bezeichnet. Als erste dieser „Revolutionen“ wird allgemein die Agrarrevolution angenommen, die man auf die Jungsteinzeit, also auf ca. 8000 v.u.Z. datiert. Bis dahin hatten die Menschen als Jäger und Sammler ein Nomadendasein geführt, und erst um diese Zeit begannen sie, planmäßig Vieh zu züchten, Äcker zu bebauen und sich in festen Siedlungen niederzulassen.

Die Zeitspanne, die seit der Agrarrevolution verflossen ist, wird unterschiedlich beurteilt. Manche beobachten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nichts weiter als die allmähliche Evolution der Handwerke. Andere sehen weitere revolutionäre Umbrüche im Aufkommen der Stadt- und Bewässerungszivilisationen seit dem 2. Jahrtausend v.u.Z. (Ribeiro 1971). U.U. könnte man auch die Erfindung der alphabetischen Schrift (Griechenland um -900) als Revolution betrachten, weil sie erstmals das genial einfache Digitalprinzip (willkürliche Lautsymbole statt gegenstandsähnlicher Bildzeichen) bei der technischen Informationsspeicherung eingeführt hat. Weitgehende Einigkeit besteht dann aber in der Diagnose der Industriellen Revolution um 1800 u.Z. – vielfach auch als zweite technische Revolution apostrophiert (z.B. Gehlen 1957) –, die sich durch die Maschinisierung der Produktion und die verbreitete Nutzung von Wasser- und Wärmeenergie unter Einsatz technischer Energiewandler auszeichnet.

Seitdem leben wir in der Industriegesellschaft, für die manche Beobachter eine zweite und eine dritte Industrielle Revolution ansetzen wollen: die zweite um 1900, in der Chemisierung und Elektrifizierung zum Durchbruch kamen, und die dritte seit 1940, die sich in der Automatisierung der Produktion äußert. Nach wie vor ist es die Industrie, in der die technische Entwicklung weitergetrieben wird. Diese technische Entwicklung aber bringt nicht mehr nur Produkte des Stoff- und Energieumsatzes hervor, sondern zunehmend auch Systeme des Informationsumsatzes. Vergegenwärtigt man sich Geschwindigkeit und Ausmaß der Informatisierung in den letzten Jahrzehnten und der gegenwärtigen Biotechnisierung, so kann man diese Entwicklung durchaus als Informationelle Revolution apostrophieren.


Erfindungen

Die Herausbildung der Hand und die Unterstützung dieses Greiforgans durch Werkzeuge erklären noch nicht, wie dann in der Folgezeit die unübersehbare Vielfalt der sachtechnischen Geräte, Apparate, Maschinen und Systeme zustande gekommen ist. Nun besteht das gestalterische Machen, die ureigenste Aktivität von Homo faber, aus zwei Phasen. Die reale Phase des Ausführens kann man beobachten, beschreiben und erfahrungswissenschaftlich erklären. Doch vorgelagert ist eine virtuelle Phase des Ausdenkens, Vorstellens und Antizipierens, kurz des Erfindens. „Eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut“ (Marx 1867, 193). Das Machen des Homo faber wird von Vorgängen im Bewusstsein vorbereitet und begleitet, ohne die es kein planmäßiges und zielstrebiges Machen wäre (vgl. Gehlen 1940, passim). Diese Bewusstseinsvorgänge lassen sich nur phänomenologisch erschließen.

Das Bewusstsein besitzt die Fähigkeit, sich vom Hier und Jetzt des unmittelbar Vorhandenen zu distanzieren und sich Gegenstände vorzustellen, die real und aktuell noch gar nicht existieren. Indem es das Gegebene als unzureichend verwirft, antizipiert es, oft in zahlreichen Iterationen und Variationen, das Mögliche, indem es beliebige Einzelheiten des Vorgefundenen oder Erinnerten in der Vorstellung räumlich und zeitlich verlagert und zu neuen denkbaren Konstellationen kombiniert. Unter den vorgestellten Möglichkeiten identifiziert das Bewusstsein Konstellationen, die es als erwünscht auszeichnet und als Ziel des Machens wählt. Erscheint eine neue Konstellation tatsächlich als machbar, bildet sie eine Erfindung, die Verknüpfung eines natürlichen oder technischen Potenzials mit der Idee menschlicher Brauchbarkeit. Wenn die Erfindung technisch und wirtschaftlich erfolgreich zu verwirklichen ist, wird sie zur Innovation.


In dieser realen Phase schafft Homo faber neue Wirklichkeit. Was als Möglichkeit im Kopf konzipiert und antizipiert wurde, gewinnt mit Hilfe der Hand und all der Instrumente, welche die Hand unterstützen oder gar ersetzen, reale Existenz. In der Möglichkeit, neue Wirklichkeiten zu machen, drückt sich die Macht der Menschen aus. Macht bedeutet, den eigenen Willen auch gegen Widerstände durchsetzen zu können. Und widerständig ist die Natur in aller Regel. Rohstoffe und Energien stehen nicht ohne Weiteres bereit, sondern müssen mühsam gewonnen werden. Materialien besitzen nicht von sich aus die Eigenschaften und Formen, die dem Menschen vorschweben, sondern müssen in anstrengender Arbeit gestaltet werden. Ist dann schließlich das Machwerk in der Realität gelungen, erlebt Homo faber die Befriedigung, dass er seinen Willen gegenüber der Natur durchgesetzt hat; die zunächst bloß vorgestellte Möglichkeit hat er in konkrete Wirklichkeit überführt.

Die Macht des Machens ist offenbar eine wesentliche Komponente der conditio humana, auch wenn sie gelegentlich vom Scheitern bedroht sein mag. Aber die Macht des Machens ist meist effektiver als die Macht sozialen Handelns. So widerständig die natürlichen Gegebenheiten auch sein mögen, lassen sie sich meist doch eher bezwingen als ein gegenläufiger Wille anderer Menschen; daran mag es wohl liegen, dass dezidierte Techniker oft wenig Sinn für die Kontingenzen des Sozialen besitzen. Der Drang nach Weltbemächtigung treibt offenbar alles technische Machen an: das virtuelle Vorstellen möglicher Machwerke und das reale Herstellen der Machenschaften. Homo sapiens ist immer auch Homo faber.


Vergesellschaftung des Homo faber

Lange Zeit hat man sich Homo faber als den allein arbeitenden Einzelnen vorgestellt und die Technik als eine Robinsonade missverstanden, in der das tätige Individuum ganz auf sich gestellt die Natur bezwingt. Die Anthropologie, die mit der Abstraktion des Gattungswesens Mensch unter der Hand einem individualistischen Reduktionismus Vorschub geleistet hat, muss die gesellschaftlichen Differenzierungen dieses Gattungswesens ausdrücklich und systematisch in den Blick nehmen. Es ist das Verdienst der philosophischen Anthropologie, den Homo faber entdeckt zu haben. Aber es ist ihr Defizit, ihn als ahistorische und gesellschaftsferne Konstante misszuverstehen. Es ist an der Zeit, der sozialwissenschaftlichen Perspektive in der Anthropologie zu ihrem Recht zu verhelfen.

Die Geschichte der Menschen ist nicht nur eine Geschichte fortschreitender Technisierung, sondern auch eine Geschichte wachsender Vergesellschaftung, und Homo faber hat seinen Teil daran. Homo faber hat nämlich nicht nur die Arbeitswerkzeuge, sondern auch die Teilung der Arbeit erfunden. Arbeitsteilung bedeutet im Kern, bestimmte Teile einer Tätigkeit, die erst als Ganze das menschliche Bedürfnis befriedigt, unter mehreren Menschen aufzuteilen, derart, dass jeder Beteiligte denjenigen Beitrag zum Gelingen der kollektiven Bedürfnisbefriedigung leistet, den er am besten beherrscht, und seine Produkte Anderen zur Verfügung stellt. Das ist die grundlegende Arbeitsteilung zwischen Herstellung und Verwendung, welche die Gesellschaft in Produzenten und Konsumenten geschieden und das Prinzip des Tausches begründet hat. Die Wirtschaft ist ein Derivat der Arbeitsteilung.


So ist Homo faber in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zum Spezialisten geworden, der einen beträchtlichen Teil seiner Lebenszeit damit verbringt, Machwerke nicht für sich selbst, sondern für andere Menschen zu schaffen, die diese dann ihrerseits mehr oder minder sinnvoll gebrauchen. Überdies haben Berufsdifferenzierung und Arbeitszerlegung dazu geführt, dass Homo faber kaum noch als anthropologisch homogener Typus verstanden werden kann. Vielmehr gibt es unübersehbar viele unterschiedliche Ausprägungen von Homo faber, die sich auf höchst verschiedenartige Machenschaften spezialisiert haben und meist nurmehr Teilglieder in einer Organisatio fabra sind, in einer Werkstatt oder Fabrik. Gleichwohl bilden sie eine Minderheit, der die Vielen gegenüber stehen, die lediglich gebrauchen, was jene gemacht haben.

Doch Arbeitsteilung ist kein rein gesellschaftliches Phänomen. Mit der Technisierung hat die Arbeitsteilung eine weitere Ausprägung erfahren. Man kann abgetrennte Teilfunktionen nicht nur an spezialisierte Menschen, sondern auch an spezialisierte Sachsysteme übertragen, an Maschinen und Apparaturen. Dann liegt soziotechnische Arbeitsteilung vor, und es bilden sich soziotechnische Systeme, Systeme, in denen sich menschliche und sachtechnische Funktionsträger symbiotisch mit einander verknüpfen. In Erfindung und Innovation werden technische Funktionen als Teilfunktionen der menschlichen Handlungs- oder Arbeitsfunktion konzipiert, und in der Verwendung gehen dann diese Teilfunktionen auf entsprechende Sachsysteme über. Technik ist immer ein sachlich geronnenes Handlungs- und Wissensmuster. Die Sachsysteme verkörpern das Wissen, Können und Wollen anderer Menschen oder Organisationen und importieren diese fremden Kompetenzen in die Handlungs- und Arbeitsvollzüge des aufnehmenden Handlungssystems; dadurch ist mit jeder Technikverwendung eine grundsätzliche Entfremdung verbunden.


Das technische Produkt bildet ein Ferment der Vergesellschaftung, ein Umstand, der durch die Wirtschaftsteilung zwischen Produktion und Konsumtion vielfach aus dem Blick geraten ist. Mit dem Sachsystem antizipiert der individuelle oder korporative Produkt¬entwickler zugleich ein neues soziotechnisches System, d.h. eine neue Form des menschlichen Handelns. Das Gemachte wird selbst zu einer gesellschaftlichen Macht, indem es individuelle Handlungsmuster und soziale Verhältnisse umstülpt. Jede Invention ist eine Intervention, eine Intervention in Natur und Gesellschaft.

Die überwiegende Mehrzahl technischer Neuerungen geht aus den Wirtschafts- und Industrieorganisationen hervor. Das Entwerfen von Sachsystemen, also die virtuelle Phase des Machens, kann darum heute nur noch in engen Grenzen als individuelles Handeln von Homo faber gesehen werden; meist erweist es sich, da es in einer soziotechnischen Industrieorganisation geschieht, wesentlich als korporatives Handeln, das nicht den Zielen der Einzelnen, sondern den Zielen der Wirtschaftsorganisation folgt. Aus der archaischen Tauschwirtschaft ist längst eine höchst komplexe Marktwirtschaft geworden, die den Sinn des Machens vornehmlich über Geldwerte beurteilt. So hat sich dem substanziellen Machen von Sachen das formale Geld-Machen überlagert, das weithin darüber entscheidet, welche Sachen überhaupt gemacht werden. Technisches Handeln erweist sich zunehmend als Teil des wirtschaftlichen Handelns, und Homo faber ist zum Knecht des Homo oeconomicus geworden. Die Macht des Machens, ursprünglich ein Vermögen der individuellen Weltbemächtigung, ist in ihrer sozioökonomischen Überformung omnipotent geworden.

Inzwischen versucht man, mit technikethischen und technikpolitischen Ansätzen der Übermacht des ökonomisierten Homo faber Grenzen zu setzen (Ropohl 1996). Ob diesen Bemühungen Erfolg beschieden sein wird, steht dahin.

Literatur

Bergson, H.: Schöpferische Entwicklung [1907], Jena 1912
Gehlen, A.: Der Mensch [1940], 13. Aufl. Wiesbaden 1986
Gehlen, A.: Die Seele im technischen Zeitalter, Hamburg 1957
Hubig, Ch., A. Huning u. G. Ropohl (Hg.): Nachdenken über Technik : Die Klassiker der Technikphilosophie, Berlin 2000
Marx, K.: Das Kapital, Bd. I [1867], Marx/Engels: Werke, Bd. 23, Berlin 1959 u.ö.
Oldemeyer, E.: Leben und Technik, München 2007
Ortega y Gasset, J.: Betrachtungen über die Technik , Stuttgart 1949 (spanisch 1939)
Ribeiro, D.: Der zivilisatorische Prozeß , Frankfurt/M 1971 (portugiesisch 1968)
Ritter, J. (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 3. Basel/Stuttgart 1974
Ropohl, G.: Technologische Aufklärung, Frankfurt/M 1991, 2. Aufl. 1999
Ropohl, G.: Ethik und Technikbewertung. Frankfurt/M 1996
Ropohl, G.: Allgemeine Technologie, 3. Aufl. Karlsruhe 2009; www.uvka.de 
Sachsse, H: Anthropologie der Technik, Braunschweig 1978
Scheler, M.: Die Wissensformen und die Gesellschaft [1926], Bern/München 1960

Günter Ropohl



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